Ein Lügner ist ein Lügner ist ein Lügner...
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Baudolino (Gebundene Ausgabe) Umberto Eco, der Semiotikprofessor aus Bologna, ist in seinem vierten Roman wieder in jene Epoche zurückgekehrt, die ihm seit seinem Weltbestseller „Der Name der Rose" zur zweiten Heimat geworden ist: das Mittelalter. Diesmal befinden wir uns im 12. Jahrhundert und den Hintergrund der Handlung bilden die Auseinandersetzung Kaiser Friedrich Barbarossas mit den oberitalienischen Städten und der von ihm angeführte dritte Kreuzzug, die Orte der Handlung umfassen Oberitalien ebenso wie Freising, Paris, Rom, Byzanz und die fernen, unbekannten Länder des Ostens.

Eco selbst hat „Baudolino" als Schelmenroman bezeichnet, und tatsächlich handelt es sich bei der Titelfigur, die nicht umsonst einige Züge des Autors trägt, um einen schlauen, durchtriebenen Lügner, den die Lust am Fabulieren oft unfreiwillig dazu verführt, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. Seine erste Lügengeschichte verhilft dem Bauernsohn aus Alessandria (der Geburtsstadt Ecos) dazu, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert zu werden, und von da an gelingt ihm in nahezu jedem Kapitel ein weiterer Geniestreich. Der bauernschlaue Baudolino („Es macht mir Vergnügen, Dinge geschehen zu lassen und der einzige zu sein, der weiß, dass sie mein Werk sind!") ist bei jedem historischen Großereignis dabei und drückt ihm gnadenlos seinen durchtriebenen Stempel auf.

Nahezu endlos wäre eine Liste der auf Baudolino zurückgehenden Wunder des Mittelalters, nur soviel sei verraten: unserem Schulwissen über diese Epoche wird mehr als einmal zugesetzt, wenn uns Baudolino seine „Wahrheit" über die Kölner Reliquien der Heiligen Drei Könige, über die Heiligsprechung Karls des Großen, über den berühmten Archipoeten am Hofe Barbarossas und über den (von Historikern übereinstimmend als Fälschung bezeichneten) Brief des Presbyters Johannes erzählt, dessen sagenumwobenes Reich jenseits der bekannten Weltregionen Baudolino und seine Gefolgschaft zu finden versuchen. Die zwei Glanzstücke dieses Panoptikums sind aber Baudolinos Version des Heiligen Grals und - es wäre kein Eco - ein mysteriöser Mordfall. Dass es sich bei dem Opfer um niemand geringeren als Barbarossa selbst handelt, von dem wir bisher annahmen, er sei auf dem Kreuzzug beim Baden im Fluss Saleph ertrunken, setzt der Geschichte nur noch die Kaiserkrone auf.

Doch die Mordgeschichte bleibt diesmal sehr im Hintergrund und der blinde Weise Paphnutios, der sie letztlich auflöst, tritt gerade auf den letzten zwanzig Seiten in Erscheinung. „Baudolino" ist vielmehr ganz in der Tradition der Schelmenromane dem puren Erzählen und der Lust am ausufernden Fabulieren verhaftet. Das ist zwar über weite Strecken des immerhin 600 Seiten umfassenden Werkes überaus unterhaltsam, doch hinterlassen die sehr detaillierten und adjektivstrotzenden Beschreibungen ferner Länder, unbekannter Fabelwesen, menschlicher und menschenähnlicher Völker und philosophischer Auseinandersetzungen über die Form der Erde (Tabernakel, Scheibe oder gar Kugel?) oft ein unbestimmtes Gefühl der Substanzlosigkeit. Doch gelingt es Eco, diesen Passagen immer wieder solche entgegenzusetzen, die den Leser durch ihren feinsinnigen Humor in ihren Bann ziehen oder die Charaktere endlich aus der durch die Erzählweise bedingten Distanz holen und den Leser mit ihnen fühlen lassen, etwa die drei unglücklichen Liebesgeschichten Baudolinos, die ihn in den seltenen Momenten absoluter Aufrichtigkeit das größte Unglück erfahren lassen oder der Tod von Baudolinos Vätern Gagliaudo und Friedrich Barbarossa.

Am Ende zweifelt Niketas Choniates, Geschichtsschreiber und Kanzler des Basileus von Byzanz, dem sein Lebensretter Baudolino die ganze wüste Geschichte erzählt („Ich glaube, wer Geschichten erzählt, muss immer jemanden haben, dem er sie erzählt, nur dann kann er sie auch sich selbst erzählen."), so sehr an der Glaubwürdigkeit des Baudolino, dass er seine Geschichte nicht niederschreibt. Nur Eco lässt sich vom weisen Paphnutios als noch weniger vertrauenswürdig entlarven, wenn dieser sagt: „Früher oder später wird diese Geschichte jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino!". Mit diesem eleganten kleinen Kunstgriff hat es Eco wieder einmal geschafft, uns - wie in seinen vorangegangenen Romanen - bezüglich der Vertauenswürdigkeit seiner Quellen vollständig im Dunkel zu lassen.

Doch wie Baudolino selbst sagt: „Ja, ich weiß, es ist nicht die Wahrheit, aber in einer großen Geschichte kann man kleine Wahrheiten ändern, damit die größere Wahrheit hervortritt." Allein dieser Kunstgriff, der die Entlarvung von „Baudolino" als die Geschichte eines Lügners über einen Lügner wieder relativiert, macht diesen Roman, der über die Massenware des boomenden Literaturzweigs der historischen Romane turmhoch hinausragt, ausgesprochen lesenswert.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. Oktober 2001
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